Die Göttin der Poesie ist ganz o.k.

Ich habe einen poetischen Text geschrieben, mich von dem Februartag vor meinem Fenster inspirieren lassen und es in ein Gedicht umgewerkelt. Ich habe es meinem Freund gezeigt und er fand das ganz o. k. Daraufhin habe ich mir tatsächlich noch zwei Tage Zeit genommen, um das Mittelmaß des Ganzen auf ein höheres Niveau zu bringen. Die Arbeit hat sich gelohnt, denn mein Freund fand die neue Version echt in Ordnung. Aber da er auch diesmal darauf hingewiesen hat, dass er sich mit Poesie nicht auskenne, habe ich es einem anderen Gedichteschreiber geschickt. Sein Kommentar zu meiner Arbeit war höchst unerwartet, er sagte schlicht, dass ich eine Göttin der Poesie sei. Zwischen diesen zwei Extremen verliert man leicht das Gefühl für seine schriftstellerische Kompetenz, denn erstmal zählt nur, was ich davon halte. Und doch sind wir Künstler zart und empfindlich, wenn wir uns einer Beurteilung stellen. Mir fällt es besonders auf, wenn ich jemanden ein Roman-Manuskript von mir lesen lasse, an dem ich viele Jahre gearbeitet – ja, sogar darin gelebt – habe, und derjenige starke Worte der Kritik äußert und sie liegen lässt wie Plastikmüll auf einer Parkwiese.
In der Tat ist ein Kunstwerk wie ein Wesen, das man erschaffen hat, ein Roman umso mehr, weil man endlos viel seiner Lebenskraft ineinander gewirkt hat, um etwas entstehen zu lassen – etwas vollkommen Neues, das von einem selbst stammt, doch nicht man selbst ist. Ähnlich wie ein Kind. Wie käme es an, wenn eine Mutter mich fragte, was ich von ihrem Sprössling halte, und ich lediglich sagen würde: „Weiß nicht, irgendwie ist er nicht so mein Fall, bin kein Fan von blonden Jungs. Dein letztes Kind fand ich interessanter.“ Punkt. Das wäre vermutlich ein Schlag in die Fresse.
Wenn die Mutter dann noch die Kraft hätte, nachzufragen, was genau mir denn an ihrem Jungen nicht zusagte, und ich antworten würde: „Die Unterhaltung mit ihm hatte Längen. Der ist mir auch ein bisschen zu dramatisch, so sind richtige Jungs doch gar nicht. Und das Zimmer, in dem ich ihn getroffen habe, passte irgendwie nicht; mir persönlich hätte es total gut gefallen, wenn unsere erste Begegnung an einem Karibikstrand oder in einem alten Schloss in England stattgefunden hätte oder in so einer aufregenden Stadt wie Paris um 1890. Weißt du, was ich meine? Also besonders am Anfang hatte ich echt Mühe, mit ihm warm zu werden. Ich habe mich wirklich konzentrieren müssen und ihn immer wieder zur Seite geschoben. Ich denke, als Mädchen hätte ich ihnen besser gefunden.“
Und sollte die Mutter da noch fragen können, ob mir denn irgendwas an ihrem Kind gefalle, aber ich nicht einmal etwas zu den ganz oberflächlichen Merkmalen sagen würde wie: „Ich finde es gut, dass er Augen hat.“
Es ist selbstverständlich den Nachwuchs der anderen eingehend zu loben, das Positive herauszustellen. Ein Schriftsteller braucht die gleiche Anteilnahme an seinem Spross, ob er einen guten Satz gesagt hat oder irgendwann besonders lustig war und auch, wie gut er bereits die Sprache beherrscht.
Wenn es Komplimente gibt (manchmal erst nach erniedrigender Nachfrage – und man muss nachfragen, um zu erfahren, welche Kapitel oder Szenen für den Leser funktioniert haben!), werden sie von manchem Geber doch ungern so stehen gelassen und lieber mit weiteren kritischen Hinweisen unterfüttert: „Also als er mir seine Maus gezeigt hat, fand ich das ganz spannend, aber dann hat er mir als nächstes ziemlich langatmig von seinem Frühstück erzählt und die Luft war wieder raus. Weißt du, ich wünschte, er hätte mir direkt noch andere und größere Tiere gezeigt, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Vielleicht einen brüllenden Löwen vor dem Kadaver einer Antilope, so wie ihn dieser Junge hat, den hier alle kennen – Dan Braun.“

Konstruktive Kritik zu üben, ist schwer, das weiß ich, bin selbst kein Meister darin.
Doch eines ist gewiss: Ein Kompliment – wie schlicht auch immer – bleibt die ergreifendste Poesie, denn es kostet Mut, der Welt irgendetwas zu offenbaren. Vor allem sich selbst.

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