Einander lesen

Für mich als begeisterte Literaturliebhaberin war es ein geradezu romantischer Anblick: ein älterer Herr mit weißem Hemd und Anzugjacke, der auf einer Parkbank sitzt und liest. Ich sah ihn oft, manchmal stand eine Flasche Wasser neben ihm oder er aß etwas. Ich fühlte mich inspiriert, es ihm gleichzutun – es erinnerte mich daran, dass ich in den Sommern ohne Balkon oft morgens mit einem Apfel im Park gesessen und gelesen hatte. Vermutlich hatte auch er keinen Balkon, und wie sich eines Sommerabends, als ich noch spät spazieren war, herausstellte, auch keine Wohnung. Der alte Mann lag auf der Parkbank in einem Schlafsack. Die nostalgischzarte Romantik verpuffte und machte der knallharten Realität Platz.
Dieser Anblick prägte sich mir ein, und ich wusste, ich konnte nicht am nächsten Tag einfach so an seiner Bank vorbeispazieren. Ich überlegte, was er brauchen könnte und entschied mich, das neue kleine Kopfkissen mit Mikrokügelchen am nächsten Abend mit in den Park zu nehmen und ihm anzubieten.
Es ist kein leichter Schritt, die Distanz zu einem Fremden mutwillig zu verringern, nicht wissend, ob er sich gestört fühlt, die Geste versteht. Es war kein Mitleid, das mich antrieb, eher Mitgefühl – ähnlich dem literarischen Ansinnen, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, seine Empfindungen und seinen Weg nachzuvollziehen; die eigene Grenze zu öffnen und eine neue Welt zu betreten. Zaghaft betrat ich die seine und stellte mich dem lesenden Mann vor. Argwöhnisch musterte er mich über seine Brille hinweg, und ich erzählte ihm, dass ich ihn oft gesehen und erst gestern Abend bemerkt habe, dass er hier schliefe und ihn fragen wolle, ob er ein Kissen gebrauchen könne. Er runzelte die Stirn im Versuch, mich und meine Absichten zu lesen. Ich sprach noch ein bisschen weiter, gab ihm die Gelegenheit, mich einzuschätzen. Schließlich schloss er das Buch auf seinem Schoß und eröffnete mir zögernd seine eigene Geschichte.
Kurz vor Pfingsten – als er gerade für sich und seine Lebensgefährtin Mittagessen kochte –, rief sie ihn von ihrem Bruder aus an und teilte ihm mit, er solle ihre Wohnung binnen der nächsten anderthalb Stunden verlassen oder sie würde die Polizei einschalten. Sie waren und hielten seit sieben Jahren zusammen, hatten nie gestritten und galten im Viertel als eine Art Vorzeigeehepaar, das sich trotz sozialer Schwierigkeiten ein Leben miteinander aufgebaut hatte. Sie waren sogar mal für eine Zeitung interviewt worden. Er war so geschockt und verletzt gewesen, dass er wahllos ein paar von seinen Sachen gegriffen und tatsächlich gegangen war. Er hatte auch nicht damit gerechnet, dass sie ab da weder ihn noch einen der vermittelnden Bekannten in die Wohnung lassen würde. Von dem Großteil seiner Kleidung, den teuren Trompeten, die er in den Jahren als Musiker gespielt hatte, seinen wichtigen Unterlagen, aber vor allem seinem eigenen Leben, war er plötzlich komplett abgeschnitten. Einen Schlafplatz vermochte ihm keiner zu geben, aber eine Freundin schenkte ihm einen Schlafsack und einen Einkaufstrolley, um seine wenigen geretteten Sachen zu transportieren.
Die Notunterkunft fand er so schlimm und beängstigend, dass er lieber draußen im Park schlief, in der Nähe ihrer Wohnung.
Jetzt saß er hier, 79 Jahre alt, mit der Frage im Herzen, die weitaus mehr zu schmerzen schien als die harte Parkbank im Rücken. Was war passiert? Es hatte keinen Streit gegeben, am Abend zuvor hatte er ihr die kaputten Füße eingerieben und am Morgen hatte er sie gefragt, was sie gerne zu Mittag essen würde.
Bei den meisten Menschen werden wir es über ihren Buchumschlag nicht hinaus schaffen, und offenbar kennen wir auch manchmal die Schreiber nicht, deren Seiten wir ausführlich gelesen, und mit denen wir uns in unzähligen Sätzen und Abschnitten zusammengefügt haben. Vermutlich dürfen wir uns nur sicher sein, dass der Inhalt eines jeden Menschen, seine Lebensgeschichte, niemals wirklich seicht oder subtextlos sein kann, dazu ist das Menschsein mit seinen Herausforderungen zu komplex. Manchmal wollen wir uns vielleicht selbst nicht lesen, können nicht mehr erkennen, was da in uns geschrieben steht – die Kapitel, die wir versucht haben zu schwärzen. Doch sie bleiben, unwiderruflich wie unser Prolog, der aus den Geschichten zweier Menschen entstanden ist.
Ich weiß nichts über diese Frau und warum sie die letzten sieben Jahreskapitel aus ihrem Leben reißen wollte, ich weiß nur, was ihre Entscheidung diesem Mann zugefügt hat.
Wir verbinden ständig unsere Geschichten miteinander und sollten uns vergegenwärtigen, dass wir uns damit gegenseitig beeinflussen, wie kurz oder kaum wahrnehmbar der Kontakt auch immer sein mag, er kann einen Unterschied machen, ist auf seine Art bedeutungsvoll; auch wenn wir es oft niemals erfahren werden.
Ich habe dem Mann im Park an einigen Abenden zugehört, war ganz bei ihm in seiner Geschichte – und das hat uns beiden etwas gegeben. Manchmal ist es nur ein Moment echter Aufmerksamkeit, der etwas ändert, bewegt.

Vielleicht sollten wir ab und an unsere Grenzen für Fremdes öffnen, Anteil nehmen, um die Welt und das Leben besser zu verstehen. Es lohnt sich, einander zu lesen – der andere, der sind wir selbst.

 

 

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