Rhythmus ist ein Tänzer

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Diese Übersetzung eines Songtitels aus den Neunzigern erfreut mich immer wieder – ich kann noch so oft darüber meditieren, aber irgendwie bleibt die Aussage sinnfrei. Insofern kann man diesen Blanko-Satz ganz hervorragend als Floskel in den Alltag integrieren. Gut anwendbar bei Mitmenschen in Lebenskrisen; man kann betroffen den Kopf schütteln und in nachdenklichem Ton diesen erhabenen Satz von sich geben, gern auch mit schulterzuckender Gelassenheit und einem Hauch von Optimismus – nach dem Motto: Kopf hoch, Junge, Rhythmus ist ein Tänzer, da machst du nix!
Ich habe somit Spaß mit diesem Satz. Womit ich keinen Spaß habe, ist der Rhythmus selbst, und zwar der Alltagsrhythmus. Selbstständig zu sein, zu Hause zu arbeiten, ist Privileg und Fluch zugleich. Denn einen Arbeitsrhythmus zu finden, ist für mich ebenso komplex wie eben jener Satz, der – da er auf nichts passt – auf alles geht! Ich habe also die freie Wahl, wie ich mir meine Zeit einteile. Erschwerend kommt hinzu, dass ich keine Strukturen mag und mich quasi gegen mich selbst auflehne wie ein Blumenkind gegen die Staatsgewalt – so tanze ich in einer schwer durchschaubaren Schrittfolge immer gegen mich selbst. Ich sehe es schon vor mir, wie ich mit einem Schild auf die Straße gehe und dazu im Stakkato für meine Freiheit immer wieder folgende Parole brülle: „Rhythmus ist ein Tänzer! Rhythmus ist ein Tänzer! Rhythmus ist ein Tänzer!“
Zurzeit plane ich einen erneuten Angriff gegen mich selbst, einen Hinterhalt, wenn man so will, um mich schlussendlich zu überlisten und dadurch mehr Ruhe, weniger Stress, mehr Effektivität im Alltag zu erzielen. Und eigentlich auch, um all das im Tag unterzubringen, was der gemeine Mensch so unterbringen sollte: arbeiten, was für die Gesundheit tun, Haushalt machen, seine Beziehung pflegen, auch die zu sich selbst (Meditation, Traumanalyse), irgendwas üben und vielleicht noch eine Art Hobby mit rein nehmen und bessere Ernährung und Physiotherapie und haste nicht gesehen! Und bestenfalls alles mit einem Lächeln und: natürlich tanzend. Wenn ich mir diese Liste anschaue, bemerke ich, dass meine Motivation bereits bei Punkt drei aus dem Rhythmus gekommen und Richtung Notausgang getänzelt ist.
So erinnere ich mich mal besser daran, was ich kürzlich über das Aussortieren von Kühen geschrieben habe (siehe Beitrag: Kann diese Kuh weg?). Was ist gerade wirklich wichtig? Welchen Anker sollte ich am Tag auswerfen, um mein wild dahin treibendes Schiff für einige Zeit an Ort und Stelle zu halten? Wenn ich mir ein straffes Programm zimmere, werde ich direkt nach einem halben Tag protestieren, auf die Straße gehen, gegen mich selbst demonstrieren und so wertvolle Zeit verlieren. Mir kommt gerade die Methode Kaizen in den Sinn – in der wird vorgeschlagen, den natürlichen inneren Widerstand gegen Veränderungen, den wir unbewusst als bedrohlich empfinden könnten, nicht mit Hauruckaktionen zu brechen, sondern eher still und leise, und zwar in so winzigen Schritten, dass sie als lächerlich nichtig empfunden werden und einen so nicht stressen können. Wer sich zum Beispiel den Zucker im Kaffee abgewöhnen will, nimmt für mindestens eine Woche nur einen viertel Teelöffel weniger und reduziert das Ganze dementsprechend immer weiter runter. Für die Integration von etwas, wie zum Beispiel mehr Sport im Alltag, beginnt man damit, eine einzige Minute auf der Stelle zu gehen, am besten ganz nebenbei vor dem Fernseher. Das dauert dann natürlich alles so seine Zeit und ich bin ein äußerst ungeduldiger Mensch. Allerdings habe ich im Laufe der Jahre ja eher Zeit verschwendet als gewonnen. In diesem Sinne versuche ich mich an neuen Methoden, um entweder bahnbrechend und großartig ein weiteres Mal zu scheitern oder ganz heimlich Erfolg zu haben.
Aber erst ab morgen … heute ist Sonntag … da macht man keine Veränderung … hab ich gehört. Und was den Christen recht ist, sollte mir billig sein. Und überhaupt, wenn ich so über Gottes Arbeitsweise nachdenke … Er hat ja, einer Legende zufolge, die Welt in sieben Tagen erschaffen, um danach für etliche Jahrtausende die angestrengten Hände in den Schoß zu legen. Der hat sich vermutlich auch gedacht: „Was soll‘s … Rhythmus ist ein Tänzer.“
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