O Mittelmaß, du kleines Luder!

2018-08-08 12.31.49
Ich bin Schreiberin aus tiefstem Herzen, und obwohl ich mit meinen Texten und Autorendasein Öffentlichkeit anstrebe, bin ich gleichsam jemand, der im Leben auch gern Hintergrund-Deko spielt. Wie so oft bediene ich mich fast ausschließlich aus dem Pool der Extreme, was selten zusammenpasst, aber immerhin für eine überraschend unruhige Note sorgt.
Ständig wird man aufgefordert, das Mittelmaß zu finden. Mein Körper stimmt dem zu, der bräuchte mehr Gleichgewicht – im wahrsten Sinne des Wortes –, und mein überreizter Kopf ebenso, denn ich denke übertrieben leidenschaftlich gern nach, so dass ich kaum Zeit finde, etwas in die Tat umzusetzen. Ist ungünstig.
Mittelmaß.
Ist das für einen Künstler eigentlich eine gute Idee? Bleibt man da nicht mittelmäßig? Oder ist das auch hier die vernünftige Richtung? Zu hohe Erwartungen sein lassen, Mittelmaß als guten Standard wählen, weil man dann nachts besser schläft? Eines meiner Lieblingsthemen ist das Schreiben – das erwartungslose Schreiben, das aus sich selbst aufsteigt, niemandem gefallen muss, wild sein darf. Tatsächlich ist es für mich als Autorin schwierig, hier das Mittelmaß zu finden zwischen Schreiben fürs Veröffentlichen und Geld verdienen und der Erlaubnis, immer mal wieder ins andere Extrem auszubrechen, weil da geflüsterte Wahrheit hinter Meeresrauschen wartet. Ein Dilemma.
Tatsächlich leide ich an einer typisch künstlerischen Lebensuntauglichkeit bezüglich eines Brotjobs und beneide jeden, der es schafft. Ich habe einige Talente, aber keines aus dem Bereich, das sichere Einkünfte verspricht. Ich kann schreiben, singen, lektorieren, vegan leben, gut trösten, spazierengehen, mit wenig auskommen, einrichten, habe ein Auge für Schönheit und manchmal sogar ein drittes für das Unsichtbare. Nichts davon führt zu geregeltem Einkommen, denn zwei der großen Gegenspieler dieser Gaben sind ein etwas zu lyrischer Geschäftssinn und eine erschütternd solide Zurückhaltung, die kein bisschen vornehmen ist. Weshalb ich es bislang weder zu einer Berufsspaziergängerin noch Profi-Veganerin gebracht habe – nicht mal auf 400 €-Basis. Geschweige denn zu einem eingetragenen Orakel.
Dieses Wort hebt sich gerade aus den ganzen Satzwellen hervor wie die Fluke eines Wals.
Es ist nie gut, zu viel zurückzuhalten, irgendwie staut es sich, bedrängt dich und legt sich irgendwo in deinem Körper nieder, drückt und schmerzt und zieht an dir herum oder wächst zu unschönen Blüten wie Neurosen – und wer will in seiner Psyche auch noch herumgärtnern müssen? Man hält zurück, wer man eigentlich ist. Jemand Wütendes, der man nicht sein will. Jemand Maßloses, der man nicht sein soll. Jemand Unbequemes, der man nicht sein darf. Jemand ganz und gar Einzigartiges, der seinen Ausdruck nicht in Form schneidet, seine Talente und Art nicht verbiegt, damit man es zu etwas bringen kann. Was bringt es einem, das Verbiegen, das Beschneiden, das Zurückhalten? Anpassung. Mittelmaß.
Ich denke beispielsweise oft darüber nach, dass meine Romane nicht sein dürften, wie sie sind, weil sie in keine Schublade passen, und für Schubladen zu schreiben, gelingt mir nicht. Dann denke ich schnell, dass ich nicht gut genug bin, dabei ist es doch eine großartige Sache einzigartig zu sein, sich wahr zu bleiben. Das ist das Schwerste und Beste, das man tun kann. Und wenn man damit keine öffentliche Anerkennung verdient – oder Geld – ist das womöglich nicht so tragisch. Hier sollte man nicht den Mittelweg wählen, sondern ganz extrem man selbst bleiben, den Boden unter den Füßen verlieren, sich tragen lassen – über die sieben Wortmeere.
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